Rhein-Main-Bündnis

gegen Sozialabbau und Billiglöhne

Rentendesaster 730 Euro

02/10/2016 (Rente)

Die Standardrente muss  neu definiert werden, denn die soziale Realität hat sich vollkommen verändert. Allein im Zeitraum von 1950 bis 1993 ist die Lebensarbeitszeit um 27 Prozent gesunken. Im selben Zeitraum hat sich die Zahl der Studierenden verdreifacht.³ Die Arbeitswelt hat sich verwissenschaftlich und die Ausbildungszeit hat sich verlängert. Dieser Prozess hat sich seit  1993  weiter beschleunigt. Daraus folgt zwingend, dass bei der Festlegung einer der Wirklichkeit entsprechenden Standardrente die notwendige Lebensarbeitszeit deutlich reduziert werden muss. Die IG-Metall hat das erkannt. Sie fordert eine Reduzieung auf 43 Lebensarbeitsjahre( Anm.4). Das ist viel zu wenig. Die Realität und der gesellschaftliche Trend machten eigentlich 35 Jahre erforderlich. Um nicht völlig unrealistisch zu erscheinen schlagen wir nun eine Reduzierung auf 40 Jahre vor. Welche finanziellen Folgen hätte das?

Sollten das Ziel „70 Prozent vom Nettolohn bei 40 Arbeitsjahren“ allein aus dem Arbeitslohn erreicht werden, müsste der durchschnittliche Bruttolohn nach heutigem Stand auf 23,27 Euro steigen.  Das zu erreichen ist kaum möglich. Deswegen sind Forderungen, die das gegenwärtige, hauptsächlich über den Arbeitslohn finanzierte Rentensystem unangetastet lassen wollen, unrealistisch. Beispielhaft für diesen mangelden Realitätssinn ist u.a. die Linkspartei. Im Beschluss des Parteivorstandes  vom 15./16. Oktober 2011 heißt es: „Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns: Allein durch einen flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn könnte für alle Beschäftigten eine feste Mindestgrenze für durch Beitäge erworbenen Rentenansprüche gewähleistet werden“.Wie unsinnig dieses Gerede war, hat sich schon bewiesen. Inzwischen fordert die Linkspartei einen Mindestlohn von 12 Euro und suggeriert, dass damit die Rente gesichert sei (Anm 5). Aber auch das stimmt nicht. Mit 12 Euro bekäme man nach 45  Versicherungsjahren 908,53 Bruttorente. Die verfügbare Rente wäre dann 812,24 Euro. Bei 40 Versicherungsjahren betrüge die Bruttorente 807,53 Euro. Zum Leben blieben 722,74 Euro.

Ein Rentensystem, das die Forderung nach 70 % Nettorentenniveau bei 40 Arbeitsjahren und einer hohen Mindestsicherung erfüllt, müsste von der ganzen Gesellschaft getragen werden, indem alle Einkommen zur Finanzierung der Rentenversicherung herangezogen werden. Davon sind wir weit entfernt. Wir erleben das Gegenteil. Das Kapital ist nicht in der Lage, die Reproduktion der Ware Arbeitskraft über den Lohn zu bezahlen. Wichtigstes Beispiel dafür ist, dass die Kosten der Versorgung und Erziehung der Kinder heute zumindest teilweise über Kindergeld und andere familienpolitische Leistungen aus Steuermitteln finanziert wird. Auch die Vorsorgeleistungen der Erwerbstätigen für Arbeitlosigkeit, Krankheit und Alter sollen aus dem Arbeitslohn möglichst weitgehend ausgeschlossen werden. Deswegen die radikale Absenkung der Leistungen der Arbeitslosenversicherung und die Abschaffung der paritätischen Finanzierung in der Kranken -und Rentenversicherung. Vorsorge für Zeiten außerhalb ihres Arbeitsverhältnisses sollen die Werktätigen nach den Plänen des Kapitals möglichst selbst leisten (z.B. in Form der Riester-Rente) bei gleichzeitig sinkenden Löhnen. Das ist ihr Programm!


Anm. 3)  Peter A. Berger, Ungleichheit auf hohem Niveau, Universität Rostock 2016

Anm. 4) IG-Metall“Reformprogramm zum Neuaufbau einer solidarischen Altersicherung“, Juli 2016

Anm. 5) „Unter 12 Euro pro Stunde schützt der Mindestlohn auch Vollzeitbeschäftigte nicht vor Armut im Alter“ (Bernd Riexinger 28.Juli 2016)

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